Selbstfürsorge für hochsensible Führungskräfte: Mit Impathie in deiner Kraft bleiben

Du hast feine Antennen, spürst schnell, wie es anderen geht, und bemerkst oft schon beim Betreten eines Raumes, wenn sich die Stimmung verändert. Diese Fähigkeit kann gerade in einer Führungsposition sehr wertvoll sein.

Doch was ist mit dir selbst?

Wenn du hochsensibel bist und Menschen führst – als Führungskraft, Freiberuflerin, Freiberufler oder Unternehmerin beziehungsweise Unternehmer –, kennst du vielleicht diesen Spagat: Du möchtest für deine Mitarbeitenden ansprechbar sein und gleichzeitig Verantwortung für die Ergebnisse, Entscheidungen und den Erfolg deines Unternehmens tragen.

Du hast ein offenes Ohr, möchtest ein gutes Arbeitsklima schaffen und erkennst häufig intuitiv, was andere gerade brauchen. Vielleicht bist du die Person, die Spannungen früh bemerkt und versucht, Konflikte aufzufangen, bevor sie größer werden.

Das ist eine wertvolle Fähigkeit. Sie kann allerdings auch Kraft kosten, besonders dann, wenn die eigenen Bedürfnisse dabei zu kurz kommen.

Denn während du dich intensiv mit den Gefühlen und Anliegen anderer beschäftigst, bleibt manchmal wenig Raum für deine eigenen.

Wenn du für alle da bist – nur nicht für dich selbst

Vielleicht hast du im Laufe der Jahre gelernt, deine Empathie sehr gezielt einzusetzen. Du verstehst, warum Mitarbeitende auf eine bestimmte Weise reagieren, erkennst ihre Bedürfnisse und bemühst dich um passende Lösungen.

Gleichzeitig möchtest du professionell bleiben. Du willst souverän führen, Entscheidungen treffen und auch in schwierigen Situationen Sicherheit vermitteln.

Doch was passiert, wenn du selbst ärgerlich, enttäuscht, besorgt oder erschöpft bist?

Vielleicht schiebst du diese Gefühle beiseite, weil gerade wichtigere Dinge anstehen. Vielleicht möchtest du keine Unsicherheit zeigen oder befürchtest, dass deine Emotionen als Schwäche ausgelegt werden könnten.

Auf Dauer kann es anstrengend sein, die eigenen Gefühle immer wieder zurückzustellen.

Selbstfürsorge beginnt deshalb nicht erst dann, wenn du erschöpft bist. Sie beginnt damit, dich selbst genauso ernst zu nehmen wie die Menschen, für die du Verantwortung trägst.

Ein wichtiger Schritt dabei ist, deine Aufmerksamkeit bewusst nach innen zu richten. Genau hier kommt die Impathie ins Spiel.

Was ist Impathie – und warum kann sie dich stärken?

Empathie bedeutet, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und ihre Gefühle und Perspektiven nachzuvollziehen.

Impathie richtet den Blick dagegen auf dich selbst: auf deine eigenen Emotionen, Bedürfnisse und inneren Reaktionen.

Während du mit deiner Empathie wahrnimmst, wie es anderen geht, unterstützt dich Impathie dabei, besser zu verstehen, wie es dir selbst geht.

Das klingt zunächst einfach. Doch wenn du es gewohnt bist, deine Aufmerksamkeit vor allem nach außen zu richten, kann diese Veränderung ungewohnt sein.

Vielleicht bemerkst du zuerst nur, dass du angespannt bist. Oder dass dich eine Situation mehr ärgert, als du dir eingestehen möchtest. Vielleicht spürst du eine diffuse Unruhe, ohne genau zu wissen, woher sie kommt.

Anstatt diese Empfindungen sofort wegzuschieben oder zu bewerten, kannst du beginnen, sie neugierig wahrzunehmen.

Was fühle ich gerade? Was könnte dieses Gefühl ausgelöst haben? Und was brauche ich jetzt?

Du musst nicht jede Emotion sofort verstehen oder eine Lösung finden. Oft ist es bereits hilfreich, sie bewusst wahrzunehmen und in Worte zu fassen.

So kannst du mit der Zeit besser erkennen, was dich belastet, was dir guttut und wo du etwas verändern möchtest.

Deine Gefühle sind wichtige Informationen

Im Führungsalltag ist es hilfreich, Entscheidungen sachlich zu treffen und auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben. Das bedeutet jedoch nicht, dass deine Gefühle keinen Platz haben dürfen.

Emotionen können Hinweise darauf geben, wie du eine Situation erlebst und was dir wichtig ist.

Ärger kann beispielsweise darauf aufmerksam machen, dass eine Grenze überschritten wurde. Angst oder Sorge können zeigen, dass du ein Risiko wahrnimmst. Freude kann dir verdeutlichen, was dich motiviert und stärkt.

Keine dieser Emotionen muss sofort verschwinden. Und nicht jedes Gefühl verlangt nach einer unmittelbaren Handlung.

Du kannst ärgerlich sein und trotzdem respektvoll kommunizieren. Du kannst unsicher sein und dennoch eine verantwortungsvolle Entscheidung treffen.

Resilienz bedeutet nicht, immer ruhig und souverän zu wirken. Sie zeigt sich auch darin, die eigenen Reaktionen wahrzunehmen, mit ihnen umzugehen und bei Bedarf Unterstützung anzunehmen.

Eine hilfreiche Grundlage dafür ist, die eigenen Emotionen regelmäßig wahrzunehmen, statt erst dann hinzuschauen, wenn die Belastung bereits groß geworden ist.

Wie du Impathie im Alltag trainieren kannst

Du brauchst dafür weder viel Zeit noch ein kompliziertes Programm. Beginne mit einer kurzen Pause, in der du deine Aufmerksamkeit bewusst auf dich selbst richtest.

Übung 1: Eine Minute nur für dich

Nimm dir eine Minute Zeit. Wenn es für dich angenehm ist, schließe die Augen. Atme ruhig und beobachte, was du gerade wahrnimmst.

Stelle dir zwei Fragen:

  • Welches Gefühl ist gerade da?
  • Wo und wie nehme ich es in meinem Körper wahr?

Vielleicht bemerkst du Anspannung im Nacken, ein flaues Gefühl im Bauch oder eine angenehme Ruhe. Vielleicht kannst du deine Emotion noch gar nicht genau benennen. Auch das ist in Ordnung.

Versuche, deine Wahrnehmungen zunächst nicht zu bewerten. Du musst nichts verändern und nichts leisten.

Du kannst dir innerlich vorstellen:

„Gedanken, Bilder und Gefühle dürfen kommen und gehen wie Wolken am Horizont.“

Richte deine Aufmerksamkeit anschließend auf deinen Atem. Ein ruhiger Atemrhythmus kann dir helfen, innezuhalten und dich zu regulieren. Wenn sich das Atmen unangenehm anfühlt, kehre einfach zu deinem natürlichen Atem zurück.

Diese kleine Übung lässt sich auch zwischen zwei Terminen oder nach einem schwierigen Mitarbeitergespräch einbauen.

Übung 2: Vier Fragen für mehr Selbstfürsorge

Eine weitere Möglichkeit ist, deine Impathie an eine Routine zu koppeln, die du ohnehin täglich ausführst – beispielsweise das Zähneputzen am Abend.

Stelle dir dabei vier Fragen. Du kannst sie in Gedanken beantworten oder deine Antworten aufschreiben.

1. Was habe ich heute durch mein Handeln erreicht, auf das ich stolz bin?

Nimm bewusst wahr, was dir gelungen ist. Das muss kein großer Erfolg sein. Vielleicht hast du ein schwieriges Gespräch geführt, eine klare Entscheidung getroffen oder dir trotz eines vollen Tages eine Pause gegönnt.

Es geht darum, auch deine eigenen Leistungen anzuerkennen.

2. Wann habe ich mich heute sicher oder entspannt gefühlt?

Erinnere dich an einen Moment, in dem du durchatmen konntest. Vielleicht war es ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen, ein Spaziergang oder ein kurzer Augenblick der Ruhe zwischen zwei Terminen.

Solche Erinnerungen können dir helfen, bewusster wahrzunehmen, was dir Sicherheit und Entspannung vermittelt.

3. Wofür bin ich heute dankbar?

Suche nach einer Sache, die deinen Tag bereichert hat. Das kann eine gelungene Zusammenarbeit sein, eine hilfreiche Rückmeldung oder etwas ganz Alltägliches.

Du musst nichts Großes finden. Oft sind es gerade die kleinen Dinge, die im Trubel des Alltags untergehen.

4. Wo ist mir heute ein kleines Wunder begegnet?

Diese Frage lädt dich dazu ein, wieder genauer hinzuschauen und dich überraschen zu lassen.

Vielleicht hast du das Licht zwischen den Bäumen wahrgenommen, einen Regenbogen entdeckt oder über etwas herzlich gelacht.

Mit dieser Frage öffnest du den Blick für das Schöne und Unerwartete. Du musst dafür nicht bis zum Grand Canyon reisen. Manchmal liegt das Wunder direkt vor deiner Haustür.

Nimm dir nach jeder Antwort einen kurzen Moment Zeit, um wahrzunehmen, was dabei in dir entsteht. Vielleicht spürst du Freude, Stolz, Dankbarkeit oder Entspannung. Vielleicht auch etwas ganz anderes.

Es geht nicht darum, bestimmte Gefühle erzwingen zu wollen. Es geht darum, dich selbst besser kennenzulernen.

Die vier Fragen stammen aus dem Kontext des Emotionscoachings. Ich bin für das emtrace-Emotionscoaching nach Dirk Eilert ausgebildet und zertifiziert.

Kleine Routinen, die langfristig etwas verändern können

Wir müssen nicht jeden Tag alles richtig machen. Entscheidend ist vielmehr, dass wir uns selbst regelmäßig Aufmerksamkeit schenken.

Vielleicht beantwortest du zunächst nur eine der vier Fragen. Vielleicht nimmst du dir morgens eine Minute, um in dich hineinzuspüren, bevor der erste Termin beginnt.

Finde heraus, was zu deinem Alltag passt.

Mit der Zeit kannst du möglicherweise besser erkennen, wann deine Energie nachlässt, welche Situationen dich besonders beanspruchen und was dir hilft, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Wenn du deine eigenen Gefühle ernst nimmst, fällt es dir unter Umständen auch leichter, Grenzen zu setzen, Bedürfnisse anzusprechen und Entscheidungen bewusster zu treffen.

Das kommt nicht nur dir zugute. Auch deine Zusammenarbeit mit anderen kann davon profitieren.

Denn gute Führung bedeutet nicht, für alle jederzeit verfügbar zu sein. Sie bedeutet auch, die eigenen Ressourcen realistisch einzuschätzen und verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.

Impathie: Entdecke deine eigenen Bedürfnisse

Vielleicht bist du es gewohnt, die Stimmungen und Bedürfnisse anderer sehr genau wahrzunehmen. Jetzt darfst du diese Aufmerksamkeit auch dir selbst schenken.

Was beschäftigt dich gerade? Was gibt dir Kraft? Wo brauchst du eine Pause, eine klare Grenze oder eine Veränderung?

Du musst nicht auf alle Fragen sofort eine Antwort haben. Beginne damit, sie dir überhaupt zu stellen.

Wenn du deine eigene Gefühlswelt besser kennenlernst, kannst du Schritt für Schritt herausfinden, was dich stärkt und wie du auch in anspruchsvollen beruflichen Situationen gut für dich sorgen kannst.

Wenn du dir dabei Unterstützung wünschst, begleite ich dich gerne in einem Resilienz- oder Coachingprozess. Gemeinsam können wir deine individuellen Belastungsmuster betrachten, neue Perspektiven entwickeln und passende Strategien für deinen Alltag erarbeiten.

Denn deine Mitarbeitenden brauchen keine Führungskraft, die ihre eigenen Bedürfnisse dauerhaft übergeht. Sie brauchen einen Menschen, der auch mit sich selbst verantwortungsvoll umgeht.

Ich wünsche dir viel Freude und Neugier bei der Entdeckung deiner eigenen Gefühlswelt.

Und vor allem: viel Freude an deiner Impathie!

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